Stefan Spengler
Flügel (zerlegt)
Öl auf Malpappe (weiß, universalgrundiertes Baumwollgewebe, mittlere Körnung, Reservagetechnik
2016
In Flügel (zerlegt) wird das traditionsreiche Musikinstrument seiner geschlossenen, unmittelbar erkennbaren Gestalt enthoben und in eine spannungsreiche Bildarchitektur aus Flächen, Linien und Fragmenten überführt. Einzelne Elemente des Flügels scheinen auseinandergezogen, verschoben und teilweise nur noch zeichenhaft angedeutet. Die dunklen Grün- und Grautöne des Bildgrundes kontrastieren mit leuchtenden Grün-, Rot- und Gelbflächen sowie den bewusst ausgesparten weißen Partien. Durch die Reservagetechnik werden diese Leerstellen zu aktiven Bestandteilen der Komposition. Schwarze Konturlinien verbinden, durchkreuzen und begrenzen die einzelnen Formen und erzeugen ein instabiles Gleichgewicht zwischen Konstruktion und Auflösung.
Das Zerlegen des Flügels lässt sich zugleich als Sinnbild für den Umgang mit kultureller Tradition lesen. Der Flügel steht für Musik, Bildung und ein historisch gewachsenes bürgerliches Kulturverständnis; seine bildnerische Fragmentierung hinterfragt dessen vermeintliche Geschlossenheit und Beständigkeit. Kultur erscheint hier nicht als unveränderliches Erbe, sondern als etwas, das immer wieder auseinandergenommen, neu betrachtet und zusammengesetzt werden muss. Damit eröffnet das Werk auch eine gesellschaftliche Perspektive: In Zeiten sich wandelnder kultureller Wertvorstellungen, institutioneller Veränderungen und medialer Transformation wird die Frage virulent, welche Bestandteile überlieferter Kultur bewahrt, neu interpretiert oder grundlegend verändert werden. Flügel (zerlegt) macht diesen Prozess nicht als Verlust allein, sondern ebenso als Möglichkeit einer produktiven Neuordnung sichtbar.