Abstract der Rezension
Historische Schülerkunst als Erkenntnisquelle der Gegenwart.
Viviane Bierhenkes Studie Historische Kinder- und Jugendzeichnungen. Die Sammlung Arnscheidt als Quellenzeugnis Düsseldorfer (Nach-)Kriegskindheiten (2023) leistet einen herausragenden Beitrag zur interdisziplinären Erforschung historischer Schülerkunst und ihrer Bedeutung für gegenwärtige kunstpädagogische Praxis. Im Zentrum der Arbeit steht die Analyse der bislang wenig erschlossenen Sammlung bildnerischer Arbeiten aus dem Kunstunterricht Kurt Arnscheidts am Düsseldorfer Görres-Gymnasium, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Die Publikation kontextualisiert diese Werke im Spannungsfeld zwischen historischer Kinderzeichnungsforschung, regionaler Erinnerungskultur und aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Die Autorin verbindet auf methodisch innovative Weise eine fundierte kunstpädagogische Bildanalyse mit sozial- und kulturhistorischen Zugängen. Besonders hervorzuheben ist der Brückenschlag zwischen den bildnerischen Ausdrucksformen vergangener Generationen und der heutigen Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen, etwa im Kontext von Kriegserfahrungen, Flucht und interkultureller Bildung. Das von Bierhenke entwickelte Vermittlungsmodell integriert Perspektiven der Bild- und Sammlungsgeschichte, der Rezeption sowie der historischen Kontextualisierung und wird durch ein digitales, partizipatives Format in Form eines App-basierten Stadtrundgangs durch Düsseldorf erweitert. Dieser macht die Zeichnungen im urbanen Raum erfahrbar und eröffnet ein multisensuelles, historisch fundiertes Bildungserlebnis.
Die empirische Tiefe der Untersuchung wird durch Zeitzeug:inneninterviews sowie durch die systematische Gegenüberstellung historischer Schülerarbeiten mit Archivfotografien gestützt. Damit wird die Sammlung nicht nur als historisches Dokument lesbar, sondern auch als Medium subjektiver Sinnbildung, gesellschaftlicher Verortung und ästhetischer Artikulation. Zugleich verweist die Studie auf die Potenziale der Digitalisierung für die zukünftige Sichtbarkeit und Forschung an Kinder- und Jugendzeichnungen.
Obgleich sich die Analyse auf einen lokal verorteten Quellenkorpus stützt, formuliert Bierhenke übertragbare Einsichten zur Bedeutung historischer Schülerkunst als Quelle ästhetischer Bildung und historisch-politischer Reflexion. Ihre Arbeit ist eingebettet in die renommierte Reihe KONTEXT Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung und steht in enger Verbindung zur Forschungsarbeit zum hier behandelten Themenkomplex an der Universität Paderborn. Die Studie schließt eine Forschungslücke und bietet durch ihren interdisziplinären Zugriff, ihre Vermittlungsorientierung und die reflexive Tiefenschärfe eine wertvolle Grundlage für kunstpädagogische Theoriebildung, historisch-politische Bildung und kulturelle Erinnerungsarbeit.