Abstract der Rezension
Schulische Medienbildung von Anfang an.
Die Publikation Medialer Anfangsunterricht. Kunstpädagogik in der Kulturform der Komplexität von Willy Noll (2024) bietet einen substantiellen Beitrag zur kunstpädagogischen Grundlagendiskussion im Kontext der digitalen Transformation schulischer Bildung. Im Zentrum steht die theoretische wie bildungspraktische Konzeption eines „medialen Anfangsunterrichts“, der als paradigmatischer Ansatz verstanden wird, um Schüler:innen bereits in der Grundschule ein reflexives Verständnis für die Struktur und Wirkung digitaler Medien zu ermöglichen. Basierend auf einer grundlagentheoretisch fundierten Dissertation analysiert Noll die inadäquate Reaktion des Schulsystems auf tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen durch Digitalisierung. Dabei kritisiert er insbesondere die technikzentrierte Perspektive gegenwärtiger Bildungsdiskurse und plädiert für eine strukturelle Neuausrichtung schulischer Bildung entlang der kommunikativen Bedingungen der „Kulturform der Komplexität“.
Im Sinne einer transdisziplinären Medienbildung verortet Noll den Kunstunterricht als privilegierten Ort zur Förderung von Kritik-, Reflexions- und Gestaltungskompetenz. Die ästhetische Praxis wird dabei nicht nur als Medium der Subjektbildung, sondern als Zugang zur kulturellen Sinnproduktion in vernetzten, dynamischen Kommunikationsprozessen begriffen. Der Autor fordert eine grundlegende Reartikulation von Bildungszielen, in deren Zentrum nicht primär technische Fertigkeiten, sondern ethisch-reflexive, kommunikationskritische und gesellschaftspraktische Kompetenzen stehen sollen.
Auch wenn die Auswertung der unterrichtspraktischen Anteile eher knapp ausfällt und die Rolle von Eltern im Kontext der medialen Sozialisation nur am Rande thematisiert wird, schmälert dies nicht die Bedeutung der Publikation. So bietet sie wertvolle Orientierung für kunstpädagogische, bildungspolitische und fachdidaktische Diskurse und richtet sich an Akteur:innen, die Bildungsprozesse unter den Bedingungen digitaler Komplexität zeitgemäß gestalten möchten.