Stefan Spengler
Mystische Spiegelung
Digitale Fotografie, farbig
2025
Das Fotokunstwerk zeigt eine ruhige, zugleich düstere Abendlandschaft. Ein Fluss zieht sich durch den Bildraum, eingefasst von kahlen Bäumen, deren dunkle Silhouetten sich gegen den Himmel abzeichnen. Die tief stehende Sonne ist von einem Schleier aus Wolken umgeben; ihr Licht wirkt gedämpft, beinahe fragil. In der Wasseroberfläche erscheint sie erneut – als Spiegelung, die den Bildraum nach unten öffnet und eine zweite, innere Ebene entstehen lässt.
Die Spiegelung ist das zentrale Bedeutungsmoment des Werkes. Sie verdoppelt nicht nur das Licht, sondern verwandelt die Landschaft in einen Ort der Selbstbefragung. Himmel und Wasser, Außenwelt und innere Wahrnehmung gehen ineinander über. Das Spiegelbild wirkt leicht verzerrt, gebrochen durch Bewegung und Perspektive, und verweist damit auf die Fragilität von Gewissheiten. Die Landschaft wird zur Projektionsfläche innerer Zustände – zu einer Seelenlandschaft, in der sich äußere Realität und inneres Empfinden überlagern.
Die düstere Abendstimmung trägt eine stark metaphorische Dimension. Die Dunkelheit, die sich über Bäume und Ufer legt, kann als Sinnbild gesellschaftlicher Kälte, Vereinzelung und emotionaler Distanz gelesen werden. In diesem Kontext erhält das Licht der Sonne eine besondere Bedeutung: Es erscheint nicht mehr als selbstverständliche Wärmequelle, sondern als Hoffnungsschimmer, als Zeichen von Nähe, Menschlichkeit und möglicher Verbundenheit. Dass dieses Licht nur gefiltert und reflektiert sichtbar wird, verstärkt den Eindruck einer Suche – nach Wärme, nach Orientierung, nach Halt.
So verdichtet sich das Werk zu einer poetischen Bildmetapher für das menschliche Dasein in einer häufig als kühl und unsicher empfundenen Welt. Zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Spiegelung und Wirklichkeit, zwischen Distanz und Hoffnung öffnet sich ein stiller Raum der Reflexion, in dem das Leise und Zerbrechliche an Bedeutung gewinnt.